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Der Vortrag präsentiert Teilaspekte und erste Ergebnisse des FWF-Projekts "Kategorisieren und Registrieren von Mobilität und Aufenthalt" (10.55776/PAT9328724), das sich mit dem Meldewesen im Österreich des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts befasst.
Das Meldewesen wurde oft als „Seele“, als Grundlage der Polizeiarbeit bezeichnet. Es zielte auf die permanente Evidenz der im Land anwesenden Bevölkerung – Einheimischer wie Fremder – ab. Jeder Aufenthalt und Ortswechsel sollte erfasst werden. Staatliche Behörden betrachteten es, gemeinsam mit dem Passwesen und den periodisch durchgeführten Volkszählungen, als Werkzeug, um das zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit erforderliche Wissen zu erlangen.
Das Meldewesen unterwarf verschiedene Kategorien der Bevölkerung unterschiedlich strikten Regeln. Es machte Unterschiede in Hinblick auf Zugehörigkeit, sozialen Status, Geschlecht. Es differenzierte Kontext und Art des Aufenthalts, verschiedene Formen der mehr oder minder erwünschten Mobilität und bildete die Grundlage für deren statistische Repräsentation. Das praktische Funktionieren des Meldewesens beruhte dabei wesentlich auf der Kooperation derer, die Unterkunft gaben. Es verpflichtete Vermieter:innen, Arbeitgeber: innen, Anstaltsleiter:innen, private Gastgeber:innen und Gastwirt:innen dazu, Ankunft und Abreise von Personen zu dokumentieren. Sie sollten die Person und ihre Angaben einschätzen, gegebenenfalls Identitätsdokumente kontrollieren, Verdächtige melden.
An den Meldepraktiken wird auch die Strittigkeit und historische Veränderung der Kriterien und Kategorien deutlich. Der Zwang und die Zumutung, am Meldewesen mitzuwirken oder über sich selbst Auskunft zu erteilen, wurden von Zeitgenoss:innen kritisiert und spöttisch kommentiert. Gleichzeitig finden sich viele Hinweise auf die Vernachlässigung und Umgehung der Meldepflicht. Aber auch verschiedene praktische Interessen an und ein Wunsch nach der Dokumentation von Anwesenheit wird greifbar.
Das Meldewesen lässt sich, wie ich zeigen werde, nicht auf die Zwecke und Ziele staatlicher Überwachung reduzieren. In meinem Vortrag skizziere ich den Zusammenhang der Perspektiven und Praktiken der am Meldewesen (oder allgemeiner: an der Organisation, Kontrolle und Dokumentation von Mobilität) Beteiligten. Ich diskutiere die Möglichkeiten und Schwierigkeiten, sich anhand der erhaltenen seriellen Quellen (Meldeprotokolle, Fremdenbücher etc.) den Variationen und Unterschieden in den Meldepraktiken anzunähern sowie die Interaktionen der Beteiligten zu rekonstruieren.
19.12.2025
