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Nora Lehner, Sexuelle Arbeit. Akteur:innen, Praktiken und Reglementierung von kommerziellem Sex in Wien (1945-1975)
Betreuer:innen: Franz X. Eder (WISO) und Johanna Gehmacher (Inst. für Zeitgeschichte)
Die Dissertation widmet sich der prekären Alltagsgeschichte sexueller Arbeit von Frauen in Wien in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten. In westlichen Gesellschaften diente die Auseinandersetzung mit Prostitution häufig der Normierung von Sexualität und Sexualverhalten. In Anlehnung daran dient sexuelle Arbeit von Frauen in dieser Dissertation als analytische Linse, um gesellschaftliche Transformations- und Normierungsprozesse in Österreich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu untersuchen. Im Zentrum steht die Frage, wie die österreichische Nachkriegsgesellschaft vom Ausnahmezustand des Zweiten Weltkriegs und den ersten Nachkriegsjahren in eine wahrgenommene „Normalisierung“ überging – vom wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er Jahre bis zur sexuellen Liberalisierung der 1960er und 1970er Jahre. Dabei werden sowohl Brüche als auch Kontinuitäten im staatlichen und gesellschaftlichen Umgang mit kommerziellem Sex herausgearbeitet.
Sexuelle Arbeit war ab Mitte 1945 in Wien geduldet, unterlag jedoch intensiver Reglementierung durch Straf- und Verwaltungsgesetze sowie polizeiliche Verordnungen. Frauen mussten sich polizeilich registrieren lassen, regelmäßige medizinische Untersuchungen durchlaufen und Verhaltensvorgaben folgen. Verheiratete, schwangere und zuvor nicht sexuell aktive Frauen sowie Frauen ohne österreichische Staatsbürgerschaft waren von der Registrierung ausgeschlossen. Bis 1973 konnten Frauen zudem nach mehreren Verurteilungen gemäß dem „Vagabundengesetz“ in Arbeitshäuser eingewiesen werden. Vor diesem Hintergrund analysiert die Arbeit die vielfältigen Akteur:innen am Markt sexueller Arbeit. Erstens wird die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben durch die Polizei, Gesundheitsbehörden und alliierte Institutionen untersucht, die aufgrund der vagen Definitionen über großen Deutungs- und Handlungsspielraum verfügten. Zweitens richtet sich der Fokus auf die Erfahrungen und die Handlungsmacht von Frauen, die der sexuellen Arbeit nachgingen oder dessen verdächtigt wurden. Drittens werden mit Kunden und polizeilich als Zuhälter markierten Männern bislang kaum untersuchte Akteursgruppen beleuchtet. Abschließend fragt diese Arbeit nach dem Wandel der sexuellen Geografie Wiens.
Die Studie stützt sich auf heterogenes, bisher unbearbeitetes Archivmaterial – darunter Polizei- und Gerichtsakten, Zeitungsberichte und Egodokumente – und wertet diese mithilfe eines diskursanalytischen und mikrohistorischen Methodenmixes aus. Sie orientiert sich zudem an sozial-, geschlechter- und sexualitätenhistorischen Debatten zum Umgang mit Quellen marginalisierter Gruppen. Intersektionale Kategorien wie Geschlecht, soziale und regionale Herkunft, rassifizierende Zuschreibungen, Alter, Bildung und der rechtliche Status hinsichtlich der Prostitutionsvorschriften fließen ebenfalls in die Analyse ein. Sexuelle Arbeit stellt ein kontroverses und vielfach erforschtes Feld der Geschlechtergeschichte, -forschung und -politik dar. Ziel der Dissertation ist es, bestehende Debatten um eine diskurs- und mikrogeschichtliche Perspektive zu erweitern. Neben gesellschaftlichen Diskursen werden dabei auch sozial- und alltagshistorische Fragestellungen berücksichtigt. Durch den Fokus auf bisher unerforschte Quellen und die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts leistet die Arbeit einen Beitrag zur österreichischen Sexualitäts-, Sozial- und Geschlechtergeschichte.
19.2.2026
